10 Jahre kommunale Erziehungsberatung an zwei Standorten im Hagener Stadtgebiet

30.11.2005

Institutionelle Erziehungsberatung ist eine kommunale Pflichtaufgabe nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG).


Kinder, Jugendliche, Eltern und andere Erziehungsberechtigte sollen bei der Klärung und Bewältigung individueller und familienbezogener Probleme, bei der Lösung von Erziehungsfragen sowie bei Trennung und Scheidung unterstützt werden. In der Vergangenheit wurde die Erziehungsberatung in Hagen lange Zeit ausschließlich durch freie Träger durchgeführt: von der Arbeiterwohlfahrt in Helfe sowie der Evangelischen und Katholischen. Kirche in der Buscheystraße.

Aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten der AWO übernahm die Stadt Hagen 1994 die Einrichtung mit den dort tätigen MitarbeiterInnen und unter Beibehaltung des Standortes Johann-Friedrich-Oberlinstr. Knapp zwei Jahre später kam dann ein weiteres Team hinzu, gebildet aus Mitarbeitern des Schulpsychologischen Dienstes, der entsprechend verkleinert wurde.

Seit zehn Jahren gibt es nun in kommunaler Trägerschaft diese beiden Teams - inzwischen an den Standorten Märkischer Ring und weiterhin in Helfe - als Teil des Sozialpädagogischen Zentrums innerhalb des Fachbereiches Jugend und Soziales. In diesen zehn Jahren haben die Mitarbeiter - unterstützt und begleitet vom Jugendhilfeausschuss (JHA) - ihre Arbeit kontinuierlich fachlich weiterentwickelt.

Das Leistungsangebot der Erziehungsberatung besteht heute aus zwei Bereichen: der einzelfallbezogenen Beratung als Schwerpunkt auf der einen und der Prävention, Vernetzung sowie Multiplikatoren- und Öffentlichkeitsarbeit auf der anderen Seite.

Im Hinblick auf Beratung und Therapie kommen die Anfragen bei Problemen aus dem gesamten Spektrum von Störungen, die im Laufe der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auftreten, insbesondere in den Übergangssituationen: Kindergarten, Schule, Pubertät und Ablösung aus den Familien. Die sich ergebenden Konflikte äußern sich als Ängste, Selbstwertprobleme, sozialer Rückzug, Depressionen, dissoziales Verhalten, Hyperaktivität etc.

Neben den normalen kritischen Phasen in der Entwicklung kommen der Trennung der Eltern, dem Verlust wichtiger Bezugspersonen durch Tod und der Traumatisierung infolge des Erlebens und Erleidens von Gewalterfahrungen und sexuellen Übergriffen eine hohe Bedeutung zu. Die Zahl der Familien, die den Weg in die Beratungsstelle sucht und findet, nimmt stetig zu. 2004 wurden 678 Familien beraten (2002: 612); darunter waren 444 Neuanmeldungen (2002: 382).

Bei allen Veränderungen und Bewegungen innerhalb der Problembereiche, die es im Laufe der Jahre gegeben hat und weiterhin auch geben wird, hat ein Thema konstant Relevanz: Trennung und Scheidung. In 60 Prozent aller Fälle spielt dieses Thema eine wichtige Rolle, sei es als auslösender Faktor für eine Anmeldung (z.B. bei akuten Problemen in der Umgangsgestaltung), sei es als lang wirkendes und folgenreiches Ereignis im Laufe einer Lebensgeschichte.

50 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die im Laufe eines Jahres vorgestellt werden, leben mit einem alleinerziehenden Elternteil oder in einer Stieffamilie. Den unterschiedlichen Problemen begegnen die Mitarbeiter der Erziehungsberatung mit einem differenzierten Angebot. Zur Anwendung kommen verschiedene Therapieverfahren (u.a. Familientherapie, kindzentrierte Spieltherapie, Psychodrama), und es wird in unterschiedlichen Settings gearbeitet (mit der gesamten Familie, mit Eltern oder Elternteilen, mit Jugendlichen alleine). Bei komplexeren Problemen wird die Arbeit in der Erziehungsberatung koordiniert mit anderen Angeboten z.B. innerhalb des Sozialpädagogischen Zentrum mit der Heilpädagogik und der Sozialpädagogischen Familienhilfe oder externen teilstationären und stationären Einrichtungen wie Tagesgruppen, Heimen oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Neben der Familie sind Kindergarten und Schule relevante Sozialisationsfelder für Kinder und Jugendliche. Daher werden seitens der Erziehungsberatung auch in diesen Bereichen Angebote durchgeführt. Die Mitarbeiter sind z.B. tätig bei der Gestaltung von Elternabenden, in der Schulung von Lehrern und Erzieherinnen (z.B. Umgang mit Gewalt), bei Projektwochen (Jungenarbeit), durch Offene Sprechstunden, bei der Gestaltung von pädagogischen Konferenzen, in der Supervision und kollegialen Beratung etc. 80 solcher Angebote werden pro Jahr realisiert.

Für den Erfolg der Beratungsarbeit spielen zwei Aspekte eine zentrale Rolle: Niederschwelligkeit und multiprofessionelle Teamarbeit Ratsuchende können sich unmittelbar und ohne Formalitäten an die Beratungsstelle wenden. In einem Erstgespräch wird gemeinsam mit den Klienten erarbeitet, welche Ziele sie verfolgen und wie die Unterstützung aussehen soll. In 50 Prozent der Fälle erfolgt ein solches Erstgespräch innerhalb von 14 Tagen nach der Anmeldung. In akuten Krisen und bei Jugendlichen, die sich selbst melden, wird noch kurzfristiger Erste Hilfe angeboten.

Beide Teams der Erziehungsberatung sind multiprofessionell besetzt mit Diplom-Sozialpädagogen, -arbeitern und Diplom-Psychologen. Die Mitarbeiter haben größtenteils mehr als zwanzigjährige Berufserfahrung als Berater und verfügen alle über Zusatzausbildungen und spezielle Kompetenzschwerpunkte. Diese Vielfalt kommt dem einzelnen Fall zugute, entweder durch direkte Kooperation der Berater oder durch fachlichen Austausch und kollegiale Beratung.

Wie viele der ratsuchenden Familien steht Erziehungsberatung als Institution selbst auch in einem Spannungsfeld von immer neuen Anforderungen bei gleichzeitiger Unsicherheit in Fragen finanzieller Ausstattung. Insgesamt geht es in Zukunft weiterhin verstärkt um die Frage, wie sich Gesellschaft und Politik positionieren: Angesichts der Bedeutung von Familie und der hohen Erwartungen, die an sie gestellt werden, bei gleichzeitigen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen, die immer mehr Krisen und Brüche produzieren, bedarf es einer öffentlichen Mitverantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Das Bereitstellen von Erziehungsberatung ist ein Ausdruck dieser Mitverantwortung.

Erziehungsberatung ist quantitativ und qualitativ ein zentrales Leistungssegment in der psychosozialen Versorgung der Bevölkerung. Aufgabe ist es, sie als Infrastrukturmerkmal genauso selbstverständlich vorzuhalten für die Bürger wie Feuerwehr und Krankenhäuser.

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