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Ältester Westfale stammt aus Hagen

05.04.2005

Eine neue Datierung bestätigt große Bedeutung der Hagener Höhlenfunde die im Frühjahr des vergangenen Jahres vom Arbeitskreis Kluterthöhle e.V. unter Stephan Voigt aus einer engen und tief in ein Felsmassiv führenden Höhle bei Hagen geborgenen menschlichen Überreste zählen Deutschland weit zu den wichtigsten archäologischen Funden der letzten Jahrzehnte.

Diese Einschätzung zeichnet sich nach den bisher bekannten Forschungsergebnissen mehr und mehr ab. Denn vor wenigen Tagen wurden die neuesten Ergebnisse der im Februar vom Historischen Centrum Hagen in Auftrag gegebenen neuen Altersbestimmung bekannt.

Bereits im Sommer 2004 hatte Prof. Dr. Pieter M. Grootes vom renommierten Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der Universität Kiel eine Probe eines in der Höhle entdeckten Schädel auf das Alter von 10.700 Jahren datiert. Der Schädel gehörte zum Skelett eines Menschen, der um 8.700 v.Chr. in einem älteren Abschnitt der frühen Mittelsteinzeit gelebt hat.

Für Westfalen und das Ruhrgebiet handelt es sich um die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen. Darüber hinaus besitzen die Menschenreste aus der Höhle als Ur-Hagener einen hohen Stellenwert für die historische Identität der Bürgerinnen und Bürger in Stadt und Region.

Aufwändige Untersuchung der Knochen Im Februar 2005 gab das Historische Centrum Hagen weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen an den Menschenknochen in Auftrag. Der Archäologe und Paläoanthropologe Dr. Jörg Orschiedt von der Universität Hamburg entnahm aus den menschlichen Überresten für eine C14-Datierung geeignete Proben.

In Kiel wurden die Proben in einem aufwändigen Verfahren im Leibniz-Labor analysiert. Die dort angewandte C14- oder Radiokarbon-Methode basiert auf dem Zerfall des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops der Masse 14 (C14). Mit dieser Methode können organische Stoffe, wie zum Beispiel Holz, Knochen und Geweih, derzeit bis zu einem Alter von 50.000 Jahren datiert werden.

Im Fall der Knochen aus der Hagener Höhle sind sich die Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen einig: es handelt sich um ungewöhnlich gut erhaltene Teile von menschlichen Skeletten. Deshalb ermöglichen sie nicht nur wichtige Aussagen über die früheren Menschen, sondern auch eine zuverlässige Datierung mit einer nur geringen Toleranz von (plus/minus) weniger als 50 Jahren. Dieser Zeitraum fällt bei dem hohen Alter der menschlichen Überreste nicht ins Gewicht.

Nutzung der Höhle in der Steinzeit Die neuesten Ergebnisse der C14-Untersuchung beweisen das hohe Alter des im vergangenen Jahr datierten Schädels durch eine weitere Probe aus einer menschlichen Rippe, die ebenfalls aus der frühen Mittelsteinzeit vor rund 10.700 Jahren stammt. Schädel und Rippe gehören wahrscheinlich zu den Skeletten von zwei verschiedenen Individuen. Insofern birgt die mittlerweile gut gesicherte und ständig überwachte Hagener Höhle sicherlich noch einige Überraschungen.

Aus Deutschland sind menschliche Überreste aus diesem Zeitraum, wie sie jetzt in der Massenkalkhöhle bei Hagen entdeckt wurden, so gut wie nicht bekannt. Doch auch Europa weit zählen entsprechende Funde aus dem so genannten älteren Frühmesolithikum zu den Seltenheiten.

In der Mittelsteinzeit, die nach dem Ende der letzten Eiszeit gegen 9.500 v.Chr. begann, lebten auf dem Gebiet Deutschlands wahrscheinlich deutlich weniger als 10.000 Menschen. Die damalige Bevölkerung einer Landfläche von über 367.000 Quadratkilometern entsprach in etwa einer heutigen Kleinstadt. Die Erforschung der Hagener Funde eröffnet der Wissenschaft neue Perspektiven für die Untersuchung von menschlichen Gemeinschaften dieser Zeit. Ob sie zum Beispiel bereits in eigenen Territorien lebten und sesshaft waren, ist nur eine der vielen Fragen, die sich möglicherweise durch die Hagener Funde klären lassen.

Doch die C14-Untersuchung in Kiel lieferte ein weiteres, überraschendes und ebenfalls überregional bedeutendes Ergebnis. Gleich zwei Knochenproben, von einem zweiten Schädel sowie aus einem Wadenbein (Fibula), stammen nach der Analyse der Jungsteinzeit vor über 5.500 Jahren. Diese Knochen sind damit über 5.000 Jahre jünger als die anderen bisher in der Höhle entdeckten Skelettreste aus der frühen Mittelsteinzeit. Das Zeitfenster der in der Jungsteinzeit in Hagen lebenden Menschen war von den Menschen der frühen Mittelsteinzeit ähnlich weit entfernt, wie wir heute von der Jungsteinzeit.

Die neuen Untersuchungsergebnisse beweisen, dass die enge und tiefe Höhle zumindest um 3.600 v. Chr. nochmals von Menschen genutzt wurde. Aus dieser Phase der Steinzeit, die etwa zeitgleich mit der so genannten Michelsberger Kultur (4.400-3.500 v.Chr.) ist, liegen in der Umgebung der Höhle zahlreiche typische, jedoch bisher nicht genau zu datierende archäologische Funde vor. Auch hier kann auf weitere, die Forschung beflügelnde Erkenntnisse gehofft werden.

Arbeitsgruppe erforscht Leben, Tod und Umwelt der Steinzeitmenschen Eine Arbeitsgruppe von renommierten Wissenschaftlern verschiedener Institute und aus mehreren Fachrichtungen erforscht seit Februar die vielen interessanten Fragen, die sich aus den menschlichen Überresten und den weiteren Funden in der Höhle ergeben. Die Höhle bietet eine sehr ungewöhnliche Fundsituation. So soll vor allem geklärt werden, wie und aus welchen Gründen die Skelettreste zu verschiedenen Zeiten in die Höhle gelangten.

Das federführend koordinierende Historische Centrum Hagen kooperiert dabei eng mit den Wissenschaftlern des bekannten Neanderthal-Museums in Mettmann, das die fachwissenschaftliche Betreuung des Projekts übernommen hat.

Die wissenschaftliche Untersuchung der Knochen sowie die Dokumentation der archäologischen und naturwissenschaftlichen Befunde in der Höhle liefern schon jetzt wichtige Erkenntnisse. Doch die Forscher wollen noch mehr. So sollen Hinweise auf das Klima sowie auf die Tier- und Pflanzenwelt im Umfeld der Höhle zur Zeit der Mittel- und Jungsteinzeit gewonnen werden. Aber auch die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen den vielen Steinzeitfundstellen in der Umgebung und den menschlichen Überresten in der Höhle gibt, bedarf einer wissenschaftlichen Klärung. Wichtige Fragen sind auch die Ernährung der Menschen, ihre Krankheiten und die Ursachen ihres Todes. Vielleicht gelingt es auch, unter den zeitgleichen Skelettresten die Beziehung zu einem Familienverbund oder zu einer sozialen Gruppe zu ermitteln. Andere Untersuchungen werden mit modernsten technologischen Verfahren versuchen, anhand der erhaltenen Skelett-Teile und Schädel das Aussehen zumindest einiger dieser Menschen zu rekonstruieren.

Die Erforschung dieser Fragen umfasst sowohl die Höhle als auch deren Inhalt sowie ihre nähere Umgebung und wird einige Zeit dauern. In dem erst im November 2004 eröffneten Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss Werdringen werden zur Zeit bereits einige der entdeckten menschlichen Überreste gezeigt. Die Erforschung von Höhle und Fundzusammenhang soll in naher Zukunft im Museum für die Öffentlichkeit umfassend und Schritt für Schritt dokumentiert werden. Die Öffentlichkeit soll so die Möglichkeit erhalten, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den steinzeitlichen Menschen zeitnah wahrnehmen und an der spannenden Erforschung teilhaben zu können. Schon jetzt ist das Interesse an den gefundenen Individuen, ihrer Geschichte und ihrem Schicksal groß.

In Hagen wurde gerade ein Namenswettbewerb mit einer regen Bürgerbeteiligung beendet; Ende April wird der oder die Gewinner/in bekannt gegeben. Dann haben zumindest die bisher ältesten Westfalen des modernen Menschentyps aus der frühen Mittelsteinzeit einen Namen.

Weitere Informationen zum Museum und aktuelle News zu den menschlichen Überresten sind abrufbar unter: www.museum-werdringen.de



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