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Neue spektakuläre Funde rund um die Hagener Blätterhöhle
18.08.2007 Was bisher nur als besonderes Highlight erhofft wurde, ist seit wenigen Tagen nun Gewissheit: Die Blätterhöhle in Hagen, die Fundstätte der ältesten Überreste moderner Menschen in Westfalen und im Ruhrgebiet, war deutlich größer, als bisher angenommen.Der Archäologe Dr. Jörg Orschiedt vom Historischen Centrum Hagen legte vor wenigen Tagen zusammen mit Stefan Voigt vom Arbeitskreis Kluterthöhle e.V. bei Vorarbeiten zu neuen Grabungen auf dem Vorplatz der Blätterhöhle einen außergewöhnlichen Befund frei. Vor dem, wie sich nun herausgestellt hat, wesentlich größeren Eingangsportal der Höhle traf er auf einen mehr als 4 Meter langen Felsblock. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um den Rest eines mächtigen Felsdaches handelt. Es überdeckte vor über 10.000 Jahren während der Altsteinzeit und Mittelsteinzeit den früheren Eingang zur Höhle. Unter diesem gewaltigen Felsblock wurden Fundschichten mit Siedlungsspuren aus der Steinzeit bestens konserviert. Blätterhöhle in Hagen
Allerdings ist das nicht der einzige bedeutende Befund, den Dr. Orschiedt bei den neuen Ausgrabungen freilegen konnte. Jetzt wurde nämlich auch die Oberkante des früheren Höhlenportals entdeckt und bis auf eine Länge von über 3 Metern verfolgt – das Ende ist noch nicht abzusehen. Damit zeichnet sich ab, dass die Ausgräber der Blätterhöhle sich offenbar unter der Decke eines in der Steinzeit noch wesentlich umfangreicheren Höhlensystems befinden. Dass sich größere Höhlen zunächst als kleine Felsgänge und Spalten zeigen können, ist lange bekannt. Auch die bekannte Balver Höhle im sauerländischen Hönnetal und die berühmte Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb besaßen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine im Vergleich zur heutigen Größe winzige Öffnung. Doch erstmalig in Deutschland kann anhand der „ungestörten“ Blätterhöhle die Besiedlungsgeschichte und der Einsturz einer von Menschen während der Steinzeit benutzten Höhle wissenschaftlich untersucht und dokumentiert werden. Die spannenden Grabungsbefunde werfen viele neue Fragen auf. Irgendwann im Verlauf der Mittelsteinzeit, das lässt sich anhand von Steingeräten unter den Felstrümmern zeitlich relativ genau einordnen, ist das überhängende Dach der Höhle eingestürzt. Waren es der Klimawandel im Verlauf der Nacheiszeit oder aber ein größeres Erdbeben, wie es auch aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit in der Region bekannt ist? Auf diese Fragen gibt es noch keine Antwort. Aber auch das imposante Felsentor „Hünenpforte“ in der Nachbarschaft der Blätterhöhle ist ebenfalls der Rest einer eingestürzten größeren Portalhöhle. Ob sie möglicherweise zur gleichen Zeit zusammen mit der Blätterhöhle einstürzte, könnten weitere Untersuchungen klären. Eines ist jedoch schon sicher: Die Auswirkungen des Einsturzes des Felsdaches der Blätterhöhle waren wohl dramatisch, wie noch heute die Spuren deutlich zeigen. Der tonnenschwere Hauptteil des überhängenden Daches löste sich von der Felswand und fiel direkt auf den Vorplatz der Höhle. Nach dem Einsturz hat sich das abgebrochene Felsdach wie ein riesiger Korken vor den früheren Höhleneingang geschoben und den Innenraum regelrecht verplombt. Das Ereignis hinterließ ein einmaliges „Bodenarchiv“, das sicher auch für den ausgezeichneten Erhaltungszustand der steinzeitlichen Knochen und Fundschichten mit verantwortlich sein dürfte. Auf dem Vorplatz der Blätterhöhle befindet sich unter dem eingestürzten Felsdach nach Messungen der Universität Köln mit dem Bodenradar ein bis zu 10 Meter hoher Schutt- und Sedimentkegel. Er türmte sich im Verlauf von Tausenden Jahren vor dem Eingang der Höhle auf. Die Steinzeitmenschen lebten dort auf den Resten der früheren Siedlungsspuren, die sich als Schichten im Sediment ablagerten. Im vergangenen Jahr legte Orschiedt unter dem damals noch nicht als Rest eines Felsdaches erkannten Felsen die Spuren einer Feuerstelle aus der Mittelsteinzeit frei. In der Fundschicht entdeckte er neben Steinwerkzeugen und Waffenprojektilen einen ungewöhnlichen Fund: Das Schädelteil eines Menschen. Noch immer ist es ein Rätsel, warum sich dieser menschliche Skelettrest auf dem Vorplatz und nicht, wie zu erwarten wäre, im Innenraum der Höhle befunden hat. Als die jungsteinzeitlichen Menschen über 5.500 Jahre nach den mittelsteinzeitlichen Siedlungsspuren die Blätterhöhle als Bestattungsort nutzten, besaß die bis zum Dach verschüttete Höhle wahrscheinlich bereits weitgehend ihr heutiges Aussehen mit engen Gängen und Kammern. Für die Archäologen und Naturwissenschaftler ist die Fundsituation in der Blätterhöhle einzigartig, denn im mitteleuropäischen Raum haben sich nur sehr wenige Höhle erhalten, die auf diese Weise völlig unberührt von den Grabungen früherer Forscher und Raubgräber geblieben sind. Umfangreiche Ausgrabungen und das Abfahren der Höhlenfüllungen als Dünger sowie auch die Sprengungen für Steinbrüche und den Straßenbau hatten bereits im 19. und 20. Jahrhundert viele Höhlenfundstätten restlos zerstört. Im südwestfälischen Sauerland und auf der Schwäbischen Alb, die höhlenreichsten Regionen in Deutschland, wurden zu dieser Zeit zahlreiche bedeutende Höhlen ausgeräumt. Noch 1875 entdeckte der Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen beispielsweise in der benachbarten Martinshöhle im Lennetal bei Iserlohn-Letmathe zahllose Steinwerkzeuge und andere Funde: Nur wenige Jahre danach verschwand diese Höhle in einem Steinbruch. Deshalb ist es verständlich, dass die Archäologen in Deutschland und Europa mit besonderem Interesse auf die Höhle in Hagen blicken. Denn hier besteht die Chance, zum ersten Mal eine in ihrem ursprünglichen Zustand überlieferte Höhle nach modernen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Die bisherigen Ergebnisse und Funde, die Dr. Jörg Orschiedt und sein Grabungsteam seit Mai 2007 in und vor der Höhle wieder freilegen, lassen Stück für Stück die Siedlungsgeschichte der Blätterhöhle und der südwestfälischen Region nachvollziehbar werden. Bereits zu Beginn ihrer neuen Grabungskampagne entdeckten die Archäologen im Innenraum der Höhle ein weiteres Teil des „ältesten Westfalen“ sowie drei große Wildschweinschädel, die dem in der Höhle abgelegten Toten vermutlich als Beigaben mitgegeben worden waren. Obwohl die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist, lässt sich schon jetzt sagen, dass es sich um einen einzigartigen Befund im gesamten mitteleuropäischen Raum handelt. Aber auch das übrige Fundmaterial, das im Sommer 2007 wieder zu Tage kam, verspricht weitere bedeutende Entdeckungen in der Blätterhöhle. Einige Steinwerkzeuge deuten nämlich an, dass sie aus der späten Altsteinzeit stammen – vermutlich über 1.000 Jahre vor der Mittelsteinzeit und den Skelettresten des „ältesten Westfalen“, den die Hagener Bevölkerung liebevoll „Lenni Steinhagener“ getauft hat. In mühevoller Kleinarbeit werden an der Blätterhöhle die Zeugnisse des Einsturzes und die Fundschichten von den Wissenschaftlern freigelegt und sorgfältig untersucht. Dass das Felsmassiv des „Weißenstein“ und die Umgebung der Höhle eine alte Fundlandschaft darstellt, belegt ein Aufsatz des vor 200 Jahren verstorbenen Elseyer Stiftspredigers Johann Friedrich Möller. Bereits 1801 beschrieb er eine Anzahl von Knochen, die dort einige Jahre zuvor bei Straßenarbeiten aufgefunden wurden. Möller regte daraufhin die Untersuchung dieser Funde durch Georges Cuvier an, dem französischen Naturforscher und Begründer der Paläontologie. Nicht ohne Grund und wahrscheinlich auch mit Recht vermutete er, dass es sich um die Knochen eines Höhlenbären handelte – eine riesige Bärenart, die während der Eiszeit lebte. Aber auch einige Beilklingen aus Stein und Bronze, die heute im Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss Werdringen der Stadt Hagen zu sehen sind, wurden im frühen 19. Jahrhundert in der Umgebung der Blätterhöhle entdeckt. Teilweise in Sichtweite der Blätterhöhle befinden sich mehrere Oberflächenfundplätze, die seit der mittleren Altsteinzeit vor über 60.000 Jahren immer wieder von Menschen aufgesucht wurden. Um diese wichtige Fundstätten und besonders die Blätterhöhle vor Raubgräbern und Hobby-Sammlern zu schützen, haben die Stadt Hagen und die Dienststellen der Polizei verschiedene Maßnahmen ergriffen. Vor allem werden illegale Grabungen und auch das Absammeln von Fundstellen ohne Genehmigung, durch die wichtige Informationen über das Leben und die Umwelt der prähistorischen Menschen für die Forschung und Allgemeinheit zerstört werden, sofort zur Anzeige gebracht und strafrechtlich verfolgt.
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Donnerstag, 09.02.2012 - 17:23 - 7610 Seitenaufrufe
