Die Wa(h)re Rentenlüge

06.05.2008

Eines der größten Probleme in der Bundesrepublik Deutschland stellt die wachsende Macht von Lobbyorganisationen und das fast komplette Meinungsmonopol dieser in öffentlichen, wie privaten Medien, dar. Dieser Artikel soll eine Hilfestellung bei der Beurteilung von Meinungen, die als sogenannte wissenschaftliche Tatsachen publiziert werden, dienen.


Das aktuell ziemlich beliebte „Thema Rente“ kann sehr gut genutzt werden, um die tiefe Einflussnahme von „Scheinsachverständigen“ auf die Politik zu belegen und die Folgen für die Gesellschaft, die dies letztendlich zu tragen hat, zu offenbaren.

Das ARD Morgenmagazin über die vorgespiegelte "Unabhängigkeit" von Renten- und Wirtschaftexperten:
In dem Filmbeitrag geht es um die engen Verbindungen zur Versicherungswirtschaft der "Wissenschaftler", die unser Rentensystem "reformiert" haben.

Der „Aufhänger“, die Demografie
Gerne wird von allen Seiten verkündet, dass es in der Zukunft pro Arbeitnehmer immer mehr Rentner geben wird und die „Last“ für die arbeitende Bevölkerung steigt. Dies ist richtig und wichtig, aber dieses Problem besteht seit der Einführung der Rentenversicherung im Jahre 1891. Damals finanzierten etwa 40 Arbeitnehmer einen Rentner, 1960 waren es 2,33 Arbeitnehmer und 2003 waren es nur noch 1,64 Beitragszahler, die einen Rentner finanziert haben.

Die „Last der Rentenempfänger“ pro Arbeitnehmer ist also seit der Einführung der Rentenversicherung um satte 2400% gestiegen. Warum will man uns also Glauben machen, dass die „Last“ nicht um weitere 50% steigen kann? Vor allem, wenn die „Alternative“ der kapitalgedeckten Versicherung bei genauerem Hinsehen überhaupt keine Alternative ist, sondern lediglich eine „Umbenennung“ der Transferleistung unter Zwischenschaltung profitorientierten Versicherungsunternehmen darstellt. Die Mehrkosten und das Risiko hat zusätzlich der Versicherte zu tragen.

Man kann es drehen und wenden wie man will, die Rente wurde und wird aus dem Volkseinkommen bezahlt. Das Volkseinkommen besteht aus Arbeitnehmereinkommen (Löhne und Gehälter), Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Der Versuch die Renten durch Kapitalzinsen zu decken hat zur Folge, dass der Anteil der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen sinken muss. Somit wird in der Theorie zwar ein weiteres Ansteigen des prozentualen Rentenversicherungsbeitrags verhindert, im Gegenzug können aber die Löhne und Gehälter nicht steigen, da der eigentlich „vorhandene Spielraum“ für Kapitalverzinsung benötigt wird.

Veränderung der Verteilung des Volkseinkommens zwischen 2003 bis 2007
Die Umverteilung von Löhnen und Gehältern hin zu Kapitaleinkommen
Der Anteil von Unternehmensgewinnen und Kapitaleinkommen am Volkseinkommen wurde in nur 5 Jahren um über 20 % gesteigert. Der Anteil der Löhne und Gehälter sank zum Ausgleich um über 8,5 %. Kumuliert (2003-2007) macht dies einen Einkommensverlust von 309,61 Milliarden Euro bei Arbeitnehmern und Angestellten zwischen 2003 und 2007 aus.

So hat sich der Anteil des Unternehmens- und Vermögenseinkommens am Volkseinkommen von 2003-2007 in nur 5 Jahren um 20,63% erhöht. Dafür musste der Anteil der Arbeitnehmer und Angestellten am Volkseinkommen um 8,52% gesenkt werden.
Diese 8,52% (Anteilsverlust gegenüber 2003) bedeuten 109,95 Milliarden Euro auf die Arbeiter und Angestellte allein im Jahr 2007 verzichten mussten. Ohne den herrschenden „Kapitalwahnsinn“ hätten Arbeitnehmer und Angestellte etwa 60 Milliarden mehr „Netto in der Tasche“, den Rest würden Sozialversicherungen und Steuern „fressen“, wie man es als „Wirtschaftsweiser“ so schön nennt.

Die 60 Milliarden „mehr“ bei der Arbeitnehmerschaft + 20-30 Milliarden „mehr“ bei Rentnern und Transferempfängern + 20-30 Milliarden „mehr“ Steuereinnahmen bei Bund, Ländern und Gemeinden...

Die entsprechende „Mehrnachfrage“ durch öffentliche Aufträge, Arbeitnehmer, Rentner und auch Arbeitslose nach Produkten und Dienstleistungen hätte endlich die dringend benötige Steigerung des Binnenkonsums zur Folge. Gefolgt von entsprechendem echten Wachstum in Handel und Gewerbe mit entsprechend „mehr“ Arbeitsplätzen und „weniger“ Arbeitslosen und weniger prozentualer Belastung des Einzelnen durch Steuern und Abgaben, da die Last auf „mehr“ und durchschnittlich stärkere Schultern verteilt wäre.

Auf diese „rosigen Aussichten“ verzichtet man in Deutschland. Jeden Monat wird medial eine andere Bevölkerungsgruppe gegen die anderen ausgespielt. Mal sind es die „Rentner“, welche die „Jungen“ „ausnehmen“, dann sind es die Pensionäre, die noch einen „draufsetzen“ mit irgend etwas um 2% mehr Pension, die auch noch voll zu versteuern ist. Die Arbeitslosen kriegen so um die 8 Cent mehr pro Tag, wovon fast die Welt untergeht, wie man uns glauben machen will.

90% der Deutschen balgen sich, angeleitet von Fernseh- und Medienberichten, die großzügigerweise von „gutmütigen Lobbyorganisationen“ der Arbeitgeberverbände und Versicherungen zur Verfügung gestellt werden, um Brotkrumen.

Derweil wird das Volkseinkommen umverteilt. Die Verlierer sind Arbeiter, Angestellte, Beamte, Rentner, Pensionäre und Arbeitslose.

Weiter so? Das sieht dann so aus:
Einfache Prognose für die Umverteilung in der BRD bis 2025.
Erläuterung: für die Entwicklung der Einkommen der Arbeitnehmer (blaue Punkte y=12,25x+1132) und die Kapitaleinkommen (rote Punkte y=44x+467) wurde jeweils eine Geradengleichung basierent auf den Werten der Jahre 2003 und 2007 gebildet. Zur Kontrolle wurden die realen Werte für die Jahre 2004-2006 eingetragen. Die Übereinstimmung ist ziemlich exakt. Die Steigungen der Geraden zeigen, dass die Vermögenseinkommen 3,6 mal so stark steigen wie die Arbeitnehmereinkommen.

2003 betrug der Anteil aus Vermögens- und Unternehmenseinkommen am Volkseinkommen 29,23% und das Arbeitnehmereinkommen 70,77%.
Bei Beibehaltung der aktuellen Politik, welche Kapitaleinkommen auf Kosten der Arbeitnehmereinkommen entlastet, wird das überwiegend leistungslose Vermögenseinkommen im Jahr 2024 mehr als 50% des Volkseinkommens "verbrauchen". Kapitaleinkommen ist nicht, wie "Wirtschaftsweise" zu suggestieren versuchen, ein "zusätzliches Einkommen", es wird durch Einsparung bei Löhnen und Gehältern "erwirtschaftet". Der privat Rentenversicherte zahlt seine "Rendite" mit Einbußen beim Einkommen selbst. Weiterhin belasten Banken und Versicherungen zur Renditeerzielung die Rohstoffpreise am Weltmarkt. Die daraus erzielten Spekulationsgewinne müssen von den Unternehmen auf Produkte und Lebensmittel umgelegt werden.

Eine stabile und erfolgreiche Volkswirtschaft hat eine gleichbleibende Verteilung des Volkseinkommens zwischen Unternehmern, Kapitaleignern und Arbeitern / Angestellten. Der Zuwachs des Volkseinkommens muß gleichmässig auf die Gruppen verteilt werden. In den Jahren 2003-2007 ist bei den Beschäftigten aber nichts von der gesteigerten Wirtschaftsleistung angekommen. Dies ist das maßgebliche Problem der Sozialversicherungen, des stagnierenden Einzelhandelsumsatzes, des Binnenkonsums und somit auch des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland, das nicht wirklich nur aus Export besteht.

Die Zukunft der Kapitaleinkommen
Nun, das ist sicher nicht exakt vorherzusagen. Aber es sollten schwere Zeiten anbrechen. Schaut man sich den Weltleitindex "Dow Jones Industrial Average" an, dann sieht das ab 1985 schon sehr "nett" für Aktienbesitzer aus.
Der Dow-Jones Index ab 1925:
Dow Jones Index 1925-2008
Es gab da um 1930 mal so nen "Huppel", das war dann der Beginn der Weltwirtschaftskrise die dem "Schwarzen Freitag" folgte. Dann war es eine Weile, eigentlich etwa 55 Jahre bis 1985 ziemlich ruhig um Aktiengewinne. Von 1985-2000 hat der Dow Jones dann 1000% in 15 Jahren hingelegt.

Da liess es sich gut verdienen und fast alle Aktienmärkte der Welt haben eine derartige Performance hingelegt.
Wir haben aktuell ein Wirtschaftswachstum von rund 2%. Wo sollte in Zukunft der Grund für einen Anstieg des Börsenwertes von 1000% in wenigen Jahren liegen? Es ist kaum denkbar, dass es noch einmal eine derartige "Show" gibt. Aktien-Fonds zeigen ihren Kunden gerne Daten ab 1985. Da konnte man nur gewinnen. Die daraus errechnete Durchschnittsrendite für die Zukunft, würde aber einen Anstiegt des Dow-Jones auf rund 40.000 Punkte erfordern. Dies scheint nicht sonderlich wahrscheinlich...

Das Problem des "Kapitals" scheint es zu sein, dass es inzwischen viel zu viel davon gibt. Für ein paar Billionen Euro gibt es sicherlich irgendwo auf der Welt sehr gute Anlagemöglichkeiten.
Für ein paar Billionen Euro gibt es dann noch akzeptable Anlagemöglichkeiten, die vielleicht ein wenig unsicherer oder renditeschwächer sind.
Nur was macht man mit den restlichen Billionen, die Banken und Versicherungen anvertraut wurden? Spekulationen mit Lebensmitteln? Manipulation des Ölpreises? Immobilienkredite an Menschen vergeben, die diese Kredite nicht zurückzahlen können?

Das "freie Kapital" wächst wesentlich schneller als die Wirtschaftskraft. So viel braucht davon eigentlich niemand. Die Banken sind nicht dumm und waren sich sehr wohl bewusst, dass es ein Risiko ist auf dauerhaft steigende Immobilienpreise in den USA zu setzen. Nur was tun, wenn man keine guten Investitionsmöglichkeiten mehr hat...?

Nervös sollten Sie werden, wenn ihr Banker Sie kein Geld mehr aufs Sparbuch einzahlen lässt, weil er Ihr Geld einfach nicht brauchen kann.

Um zurück zu den Renten zu kommen bleibt die Frage ob es für uns als Volkswirtschaft sinnvoll ist auf Kapitaldeckung zu setzen, wenn der Kapitalmarkt die besten Zeiten offensichtlich hinter sich hat. Die Zinsen auf die Kapitalrente trägt man über Lohnverzicht und Preissteigerungen auf alle Produkte selbst. Denn woher soll der Zins sonst kommen?

Die Renten müssen diejenigen zahlen, die Arbeiten. Daran führt kein Weg vorbei. Ob man nun Umlagen in ein staatliches System zahlt, oder Rendite für (Versicherungs-) Konzerne ranschaffen muss, damit diese die Rente zahlen. Ein Umlagesystem mit fairen Lohnsteigerungen (und Rentensteigerungen) verschafft der Bundesrepublik Deutschland die Wirtschaftskraft die Demographie locker wegzustecken.
Sich mit Lohnverzicht eine Kapitalrente aus stagnierenden Einkommen zusammenzusparen lässt die Deutsche Wirtschaft sicherlich nicht wachsen. Folgt dann eine Entwertung der Rücklagen, haben wir wirklich ein Problem...

Fazit: Der besorgte Bürger wurde durch eine Drückerkolonne bestehend aus als "Sachverständige" getarnten Lobbyisten der Versicherungswirtschaft ausgenommen.
Diesen "Versicherungsvertretern" wurde (und wird) von allen Medien kostenlose Werbezeit in Talkshows und Nachrichtensendungen (TV) oder Werbefläche im "redaktionellen Teil" von Zeitungen und Zeitschriften zur Verfügung gestellt. Der Staat sollte zumindest zum Schutz der Bürger durchsetzen, dass derartige "Botschaften von Lobbyvertretern" eindeutig als "Werbung" gekennzeichnet werden.

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