Knochenleim & Goldrausch - 250 Jahre Buchbinderhandwerk

Datum: 15.06.2014 bis 31.10.2014

„Knochenleim & Goldrausch. Buchbindereien vom 18. Jahrhundert bis in das E-Book-Zeitalter“ so lautet der Titel der Sonderausstellung, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in seinem Hagener Freilichtmuseum in diesem Sommer zeigt. Der Technik- und Sozialgeschichte des Buchbinderhandwerks, diesem heute selten gewordenen Handwerk, widmet das LWL-Freilichtmuseum vom 15. Juni bis zum Saisonende am 31. Oktober 2014 seine Sonderausstellung.

Erstmals für Westfalen-Lippe würdigt das LWL-Freilichtmuseum ein Handwerk mit einer Sonderausstellung, das heute eine Nische füllt, historisch aber entscheidend dazu beigetrug, dass Bücher die Popularität erreichten, die sie heute besitzen.
Ausstellung über die Buchbinderei im Freilichtmuseum Hagen
Denn erst die Buchbinder machten aus losen Druckbogen handliche und haltbare Bücher. Seit der Erfindung des Buchdrucks in der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelte sich das Buchbinderhandwerk lange Zeit technisch kaum weiter, was sich nach der Auflösung der Zünfte ab Beginn des 19. Jahrhunderts änderte. „Sowohl handwerks- als auch sozialgeschichtlich ist besonders die Zeit um 1900 sehr interessant, als auch die kleineren Buchbindereien mechanisiert wurden. Parallel dazu entwickelte sich das industrialisierte Buchbinden. Die daraus folgenden negativen Auswirkungen auf kleine Handwerksbetriebe ließen nicht lange auf sich warten“, erklärt Ausstellungsmacherin Dr. Anke Hufschmidt.

Ähnlich sind die Umwälzungen in der heutigen Zeit. Gegenwärtig geht es jedoch nicht um die Industrialisierung, sondern um die Digitalisierung. Wie auch immer die mediale Entwicklung verlaufen wird – ein frisch gedrucktes und gebundenes Buch bleibt immer ein sinnliches Erlebnis. So wird der unverkennbare Duft von älteren Büchern mittlerweile sogar künstlich hergestellt, damit die Nutzer von E-Books den gewohnten Geruch nicht entbehren müssen. Eine Kostprobe davon können die Besucher übrigens in der Ausstellung erschnüffeln. Wodurch der charakteristische Geruch entsteht, erfahren die Besucher natürlich auch.
Ausstellung im Freilichmuseum Hagen: Knochenleim & Goldrausch
„Knochenleim & Goldrausch. Buchbindereien vom 18. Jahrhundert bis in das E-Book-Zeitalter“

Die Ausstellung gliedert sich in zwei große Bereiche: Im Erdgeschoss des Ausstellungsgebäudes geht es um die technischen Aspekte, das Buch und seine Bestandteile werden vorgestellt. Das handwerkliche Buchbinden ist in einzelnen Arbeitsschritten an „Arbeitstischen“ nachvollziehbar gemacht. An drei Stationen können die Besucher ausprobieren, Papier anfassen, damit rascheln, daran riechen und es falten. Ebenso können sie testen, ob sie den Unterschied zwischen einem Telefonbuch und einem fest gebunden Buch hören.

Das Obergeschoss ist der Sozialgeschichte gewidmet, hier stehen die Buchbinder und ihre Produkte im Vordergrund. Zunächst geht es um die „zünftige“ Zeit. Aus ihr haben sich u. a. wertvolle Gesellenbücher aus Lemgo und Minden erhalten, in denen sich die Buchbinder auf ihren weiten Wanderungen eintrugen. Werkstattdarstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts zeigen wie die Werkstätten eingerichtet waren. Auch hier können die Besucher aktiv werden und herausfinden, welche der Darstellungen die älteste ist.

Zwei Buchbinderfamilien
Außerdem präsentiert die Ausstellung einzelne Buchbinder, ihre Werkstätten, Betriebe und Familien. Anhand zweier Buchbinderfamilien aus Westfalen und Lippe werden die Veränderungen im Handwerk durch 150 Jahre Familiengeschichte nachvollziehbar. Die Familie Ohle aus Lemgo und Detmold sowie die Familie Rahe-Rohling aus Münster sind zwei „Buchbinderdynastien“, die eine über 100 Jahre alte Buchbindertradition haben. Ihre umfangreiche Überlieferung mit seltenen Fotografien, Werkzeugen und Objekten belegt die Entwicklung des Buchbinderhandwerks vom 19. Jahrhundert bis heute. Darunter eine kleine Buchbinderschürze für Kinder, die der Buchbindermeister Heinrich Rahe seinem Enkel zur Geburt schenkte, weil er sich so sehr wünschte, dass sein Enkel die Buchbinderei fortführen würde. 16 Jahre später überraschte der Junge seinen Großvater an Heiligabend mit einer Bewerbung als Buchbinderlehrling. Seine kleine Schürze legte er mit der Bitte hinzu, sie gegen eine größere einzutauschen.
Ausstellung im Freilichmuseum Hagen: 250 Jahre Buchbinderhandwerk
250 Jahre Buchbinderhandwerk: Geschichte erleben im Freilichtmuseum Hagen

Aus den 1950er Jahren werden zwei Buchbindermeisterinnen aus Hagen vorgestellt: Marianne Proll und Hanni Vomhof. Beide stellten besondere gestalterische Ansprüche an das Buchbinden: Hanni Vomhof schloss sich der Hagener Künstlervereinigung „Hagenring“ an, Marianne Proll war Mitglied im Verband „Meister der Einbandkunst“.

Ein weiterer Teil der Ausstellung im Freilichtmuseum zeigt die Ergebnisse des „Internationalen Bucheinbandwettbewerbs für Auszubildende im Buchbinderhandwerk“ aus dem Jahr 2013, ausgerichtet vom Bund Deutscher Buchbinder und den entsprechenden Organisationen in Österreich und der Schweiz. Es ist ein Querschnitt von über 60 Arbeiten moderner Buchbinderarbeiten zu sehen, alle gefaltet aus gleichen Papierbogen.

Diese Sonderausstellung ergänzt inhaltlich den Papier- und Druckbereich mit seinen Werkstätten und Dauerausstellungen des LWL-Freilichtmuseums Hagen. In der museumseigenen historischen Druckerei wird täglich praktisch vorgeführt, wie der klassische Buchdruck funktioniert. Die Sonderausstellung zeigt, wie die Druckbogen zu Büchern gebunden wurden.

Die Historie Die Geschichte des Buchbinderhandwerks in den vergangenen 250 Jahren ist von mehreren Einschnitten geprägt. Die Aufhebung der Zünfte am Anfang des 19. Jahrhunderts (in Lippe erst 1869) veränderte die Organisationsweise des Handwerks grundlegend. Die Bücherproduktion explodierte geradezu in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die verstärkte Nachfrage und die Erfindung diverser Maschinen für Großbuchbindereien. So trennte sich das Buchbinden allmählich in unterschiedliche Betriebsformen. Während die Großbuchbindereien auf starke Arbeitsteilung und Maschineneinsatz setzen, entwickelte sich die handwerkliche Buchbinderei zu einem Handwerk, das sich auf individuelle Arbeiten sowie das Binden von Kleinstauflagen konzentrierte. Dazu entstand ein eher kunstgewerblich orientierter Zweig des Handwerks mit ambitionierten gestalterischen Ansprüchen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Gewerbefreiheit eingeführt. Sprunghaft stieg daraufhin die Zahl der handwerklichen Buchbindereien an. Dadurch waren die Buchbinder gezwungen, sich zusätzliche Geschäftsfelder zu erschließen, um auf dem Markt bestehen zu können. Dazu zählten vornehmlich der Verkauf von Schreibwaren und die Bilderrahmung.

Durch die große Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg brach die Nachfrage nach individuell gebundenen Büchern ein, die Zahl der Buchbindereien sank dramatisch. Das Handwerk schrumpfte immer mehr zu einem Nischengewerbe: 1938 gab es 480 Betriebe in Westfalen- Lippe, 1961 nur noch 165. Nach dem zweiten Weltkrieg erholte sich der Buchbinder-Arbeitsmarkt vorübergehend durch die neu gegründeten oder erweiterten

Universitäten. Diese vergaben anfangs viele Buchbinderarbeiten. Aber schon in den 1960er- bis 1980er-Jahren sank die Zahl der Buchbindereien weiter. In den letzten Jahren entwickeIte sich allerdings ein neuer Trend zu individuellen und kunstgewerblichen Kreationen.

Zur Ausstellung erscheint eine Begleitpublikation. In vier Beiträgen beleuchtet sie die Geschichte des Buchbinderhandwerks in der Zunftzeit, im 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert beleuchtet sowie den Stand des Handwerks zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Kernstück des Ausstellungsbuches ist die in Fotos schrittweise dargestellte Anleitung zum Binden eines Buchdeckels wie er um 1900 gearbeitet wurde. Zudem zeigen rund fünfzig ausgewählte Objekte, die ausführlich vorgestellt werden, die Entwicklung des Buchbinderhandwerks der vergangenen 250 Jahre. Die Ausstellungspublikation ist reich bebildert und kostet 20 Euro.

Ein Programm für die ganze Familie begleitet die Ausstellung: Ein Familienquiz lädt zum Recherchieren ein, wie aus Druckbogen ein Buch wird. Wer alle Rätsel gelöst hat, darf in die Schatzkiste im Krämerladen greifen. An zehn Sonntagen locken Mitmachaktionen am Ausstellungshaus unter dem Motto „Vom Blatt zum Buch“. Es gibt einige Veranstaltungstermine in Kooperation mit der Stadtbücherei Hagen. Erkundungsbögen, Führungen, Ferienprogramme und ein Aktionstag runden das Begleitprogramm ab.

Mehr dazu im Internet unter: www.lwl-freilchtmuseum-hagen.de
Freilichtmuseum Hagen

Logo Freilichtmuseum Hagen Mäckingerbach
58091 Hagen
Tel: 02331 7807-0

Öffnungszeiten
1. April 2009 bis 31. Oktober 2009

Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 9 bis 18 Uhr, Einlass bis 17 Uhr Häuserbesichtigung bis 17.30 Uhr


[weitere Informationen]


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